Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

Passauer Neue Presse: "Kein Grund zur Sorge für deutsche Sparer" 

29. Juni 2015

Interview mit Michael Kemmer in der Passauer Neuen Presse

 

Rasmus Buchsteiner

Frage: Herr Kemmer, wie lange lässt sich der Staatsbankrott Griechenlands noch hinauszögern?

Kemmer: In dieser Woche muss die Regierung in Athen allein dem Internationalen Währungsfonds 1,6 Milliarden Euro zurückzahlen. Ich gehe  davon aus, dass Griechenland diesen Betrag nicht zahlen kann. Das Land dürfte deshalb vom IWF in Verzug gesetzt werden. Formell wird sich dieser Prozess dann einige Zeit hinziehen. Ich rechne nicht mit unmittelbaren Konsequenzen. Ob sich rückwirkend durch weitere Verhandlungen noch etwas verändert lässt, ist fraglich. Der IWF wird eine Frist setzen. 

Frage: Sind Schockwellen an den Finanzmärkten ausgeschlossen?

Kemmer: Mit größeren Verwerfungen auf den Finanzmärkten rechne ich nicht. Die Aktienmärkte sind am Montag lediglich auf das Niveau von Anfang letzter Woche zurückgefallen. Kursgewinne, die sich in der Hoffnung auf einen positiven Ausgang aufgebaut hatten, sind nun wieder verloren.

Frage: Wie groß sind die Risiken für die deutschen Banken und die Einlagen der Sparer?

Kemmer: Die deutschen Banken sind in Griechenland nur noch sehr mäßig engagiert. Es handelt sich um einen Betrag von weniger als vier Milliarden Euro. Der Großteil davon gegenüber griechischen Unternehmen. Die Banken haben in den letzten Jahren einen großen Teil ihrer Forderungen abgeschrieben und sich frühzeitig auf einen möglichen Zahlungsausfall Griechenlands vorbereitet. Für die Sparer in Deutschland  besteht kein Grund zur Sorge .  Die Spareinlagen sind sicher.

Frage: Ist der Grexit – ein Euro-Aus Griechenlands - jetzt noch zu verhindern?

Kemmer: Das ist eine politische Frage. Ich bin überzeugt, dass der Grexit noch zu verhindern ist. Für den Euro-Austritt eines Landes gibt es keine klaren Regeln. Dieser Schritt erfolgt nicht automatisch, wenn Griechenland zahlungsunfähig wird. Die Tür ist noch nicht komplett zugeschlagen. Aber nach einem Zahlungsverzug kann man nicht ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen.

Frage: Die Banken bleiben vorerst geschlossen. Droht den griechischen Geldhäusern jetzt eine Pleitewelle?

Kemmer: Das griechische Bankensystem hängt stark von den durch die Europäischen Zentralbank genehmigten Notfall-Liquiditätshilfen ab. Diese werden jetzt nicht weiter erhöht werden. Die Entscheidung, die griechischen Banken vorübergehend zu schließen und Kapitalverkehrskontrollen einzuführen ist sachgerecht. Andernfalls hätte ein unkontrollierbarer Run auf die Banken gedroht.

Frage: Die Gläubiger werben um die Zustimmung der Griechen beim Referendum. Kann diese Strategie aufgehen? 

Kemmer: Natürlich ist es das gute Recht der Griechen, über solche Fragen in einem Referendum zu entscheiden. Aber diese Volksabstimmung ist viel zu spät angesetzt worden. Es macht Sinn, der griechischen Bevölkerung klar zu machen, dass das Hilfsangebot der Gläubiger sehr großzügig war. Grundlegende Reformen l aber im Eigeninteresse Griechenlands. Ohne diese Reformen wird die griechische Wirtschaft kaum wieder auf die Beine kommen. Je früher hier Realitätssinn eingekehrt, umso besser.

Frage: Wie groß wäre bei einem Grexit der Vertrauensschaden in den Euro als gemeinsame Währung?

Kemmer: Es ist natürlich schwierig, wenn ein Mitglied aus einem gemeinsamen Währungsraum ausscheidet. Eine Währungsunion ist auf Unumkehrbarkeit ausgelegt, sonst könnte bei einem Grexit der Eindruck entstehen, dass es sich nur um ein System fester Wechselkurse handelt. Auf der anderen Seite würde aber auch der Fortbestand der Währungsunion gefährdet, wenn ein Land dauerhaft gegen die Regeln und Grundprinzipen der Währungsunion verstößt. Insofern liegt auch in dieser  Krise eine Chance. Es wird deutlich, dass es keine Währungsunion ohne das Einhalten fester Regeln gibt.

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