Michael Kemmer vom Bankenverband über Euro-Krise, Banken-Rettung und das Image der Branche.
 
Angesichts einer drohenden neuen Bankenkrise hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die grundsätzliche Bereitschaft zur Unterstützung der Geldhäuser bekräftigt. Die deutschen Institute sind nach Ansicht von Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, aber gut aufgestellt. "Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht", sagte er im Interview.



Frage: In den USA protestieren Bürger auf der Straße gegen die Gier der Banken. Wann rechnen Sie in Berlin mit ähnlichen Protesten?



Michael Kemmer: Davon gehe ich nicht aus. Aber: Es ist momentan viel Aufregung im Markt und auch viel Unsicherheit bei der Bevölkerung. Das ist verständlich. Es handelt sich um schwierige Themen, um komplexe Zusammenhänge. Deshalb ist es ganz wichtig, dass alle, die hier Verantwortung tragen, versuchen, die Krise den Leuten zu erklären und aufzeigen, wie wir sie überwinden.



Warum sind die Banker so schrecklich unbeliebt?



Unbeliebt sind sie, sind wir, weil wir Fehler gemacht haben. Und weil die krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre zu Sorgen bei den Menschen geführt haben. Die Fehler sind erkannt und zumeist behoben; an einigen Themen sind wir noch dran, wie etwa die Eigenkapitaldecke zu stärken. In solchen Situationen gewinnt man keine Beliebtheitspreise.



Zahlen am Ende beim Schuldenschnitt Griechenlands die Banken in Deutschland oder der Steuerzahler?



Es gibt das Angebot der privaten Gläubiger und damit auch der Banken, auf 21 Prozent ihrer Forderungen zu verzichten. Da ist der Steuerzahler nicht beteiligt. Das ist ein Angebot, das den Griechen auf jeden Fall deutlich weiterhelfen wird. Die Griechen sollten dieses Angebot annehmen und diese Vereinbarung dann auch durchziehen. Danach kann man weiter planen.



Sind die viel diskutierten Finanz-Hebel zur effektiveren Vervielfachung von Rettungs-Milliarden sinnvoll und gut?



Es ist sehr wichtig, dass man das Vertrauen an den Finanzmärkten wieder herstellt. Vertrauen wird dann wieder hergestellt, wenn die Märkte überzeugt sind, dass die politischen Akteure die richtigen Instrumente haben, um mit den Problemen fertig zu werden. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass ein Zahlungsausfall Griechenlands vermieden werden sollte. Die Instrumente dafür hat die europäische Politik mit der Funktionserweiterung des Europäischen Rettungsschirms EFSF sowie dem zweiten Griechenlandpaket am 21. Juli vereinbart: eben auch unter anderem die freiwillige Beteiligung privater Gläubiger. Sämtliche Beschlüsse sollten jetzt zügig umgesetzt werden. Jeder Politiker muss sich bewusst sein, dass das Infragestellen einzelner Elemente des zweiten Griechenlandpakets an den Märkten die Zweifel am politischen Kurs mehren kann.



Befürchten Sie nach der Herabstufung der zwölf Banken in Großbritannien durch Moody's ähnliche Auswirkungen auf den Finanzsektor wie damals bei der Lehman-Pleite in den USA?



Die heutige Situation ist nicht mit 2008 vergleichbar. Heute ist das Grundproblem, dass das Vertrauen der Marktteilnehmer in die Staatsanleihen Italiens und Spaniens geschwunden ist. Dieses Vertrauen muss dringend wieder hergestellt werden. Der Schlüssel dazu liegt in der Hand der Politik. Sie muss die notwendigen Entscheidungen treffen und dann Kurs halten.



Kennen Sie Politiker, denen Sie zutrauen, die Krise zu beherrschen?



Die Politik steht im Moment vor riesigen Herausforderungen. Ich beneide die verantwortlichen Politiker nicht, die Themen sind sehr komplex. Dennoch haben die europäischen Regierungen mit der EFSF-Reform und dem zweiten Griechenlandpaket ein durchaus überzeugendes Instrumentarium vorgelegt, um die Krise Schritt für Schritt in den Griff zu kriegen. Nun heißt es Kurs halten und ein klares Signal für Europa und den Euro senden.



Erleben Sie noch das Ende der Finanzkrise?



Ich bin kein Hellseher. Es ist ja im Grunde genommen immer noch die gleiche Krise, die 2008 begonnen hat. Sie hat sich jetzt aber auf andere Themen verlagert. Nun haben wir die Staatsschuldenkrise. Aus der Krise 2008, in deren Zentrum die Finanzinstitute standen, wurden die richtigen Schlussfolgerungen in Sachen Regulierung und Stärkung des Bankensektors gezogen. Nun sind wir gefordert, die richtigen Lösungen für die Staatsverschuldung und die Finanzpolitik in Europa zu finden. Ich bin optimistisch, dass auch dies gelingt. Das braucht aber alles seine Zeit.



Verwetten Sie ein Jahresgehalt darauf, dass Ende 2011 noch alle großen deutschen Banken zahlungsfähig sind?



Ich wette grundsätzlich nicht. Bei diesem hochsensiblen Thema sind solche Wetten zudem völlig unangebracht. Die deutschen Banken sind stabil. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht, haben sich rekapitalisiert im letzten halben Jahr. Sie haben das Risikomanagement verstärkt und die Liquiditätsvorsorge verbessert. Sie haben aus der Krise eine Menge kluger Schlussfolgerungen gezogen. Das, was bisher von den deutschen Banken gemacht worden ist, war so schlecht nicht. Und das stimmt mich insgesamt durchaus zuversichtlich.
 
Interview: Dieter Wonka, erschienen in der Leipziger Volkszeitung am 8./9.
Oktober 2011
 

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