Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

NWZ Online - Michael Kemmer: "Die Risiken sind weitaus höher als der Nutzen"

9. März 2015

Das Thema: Kauf von Staatsanleihen

Im Interview: Michael Kemmer, Bankexperte

Zur Person: Michael Kemmer (57) ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Banken (BdB).

Frage: Herr Kemmer, die Europäische Zentralbank (EZB) will mit einem groß angelegten Kauf von Staatsanleihen in Billionenhöhe die Inflation vorantreiben und damit der Wirtschaft in Europa aufhelfen. Das Programm soll am kommenden Montag starten, wie am Donnerstag die Notenbanker auf ihrer Sitzung in Zypern beschlossen. Schlechte Perspektiven für die deutschen Sparer?

Kemmer: Die Risiken sind weitaus höher als der Nutzen. Das Niedrigzinsniveau wird weiter anhalten, und die Gefahr ist hoch, dass es zu Vermögenspreisblasen kommt. Der Dax jagt von Rekord zu Rekord.
Auch auf den Immobilienmärkten kann es zu Preisblasen kommen. Wenn der Zins als Maßstab für das Risiko fehlt, ist die Gefahr groß, dass die Mittel ungeordnet in alle möglichen Investitionen fließen.
Anders als die EZB sehen wir zudem keine drängenden Deflationsgefahren. Die niedrige Preissteigerungsrate ist in erster Linie auf die niedrigen Energiepreise zurückzuführen.

Frage: Kann das Programm den Krisenstaaten in Südeuropa helfen?

Kemmer: Das Anleihekaufprogramm wird den Krisenstaaten kaum helfen. Die Unternehmen dort kommen nicht wegen fehlender Liquidität schwer an Kredite, sondern sie haben ein Bonitätsproblem.
Das hat mit der jeweiligen Verfassung der Volkswirtschaft zu tun. Die Staaten müssen wirtschaftliche Reformen in Angriff nehmen, ihre aufgeblähten Staatsapparate zurückstutzen und den Arbeitsmarkt reformieren. Die Länder müssen wettbewerbsfähiger werden, dann werden sie Wachstumsimpulse bekommen, und die Unternehmen sind wieder kreditwürdig. Man darf das Pferd nicht vom Schwanz aufzäumen.

Frage: In den USA haben derartige Programme gut funktioniert. Warum soll das in Europa nicht auch klappen?

Kemmer: Die USA sind keine Währungsunion, sondern ein Staat mit einer einheitlichen Fiskal- und Wirtschaftspolitik. Das haben wir in der Eurozone nicht. Und obwohl sich die US-Konjunktur gut entwickelt, sind sich die Ökonomen noch nicht einmal einig, ob wegen oder trotz des Anleihen-Kaufprogramms. In den USA sind zudem die Hausaufgaben bei den Wirtschaftsreformen gemacht worden.

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