Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

Pressegespräch "Zinsänderungsrisiko im Bankbuch"

Frankfurt am Main am 13. Juli 2015

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

der Baseler Ausschuss hat im vergangenen Monat sein Konsultationspapier zur Unterlegung von Zinsänderungsrisiken im Bankenbuch vorgestellt. Wir haben Sie heute eingeladen, da wir den dort beschriebenen Ansatz für problematisch halten. Wir befürchten, dass er das Angebot an langfristigen Finanzierungen hierzulande erheblich beeinträchtigen könnte. 

 

 I. Das Baseler Gerüst der Bankenregulierung

Lassen Sie mich mit jedoch mit einem kleinen Rückblick beginnen. Das Baseler Grundgerüst der Bankenregulierung ist auf 3 Säulen aufgebaut:

 

•        Säule 1 enthält die aufsichtlichen Mindestkapitalanforderungen für Kreditrisiken, Marktrisiken und operationelle Risiken.

 

•        Säule 2 umfasst die aufsichtliche Überprüfung bankinterner Verfahren zur Beurteilung der spezifischen Risikosituation eines Institutes sowie einer angemessenen internen Kapitalausstattung. Die Institute nutzen hier ihre eigenen Modelle zur Risikomessung und der Kapitalbegriff ist weiter gefasst als in Säule 1.

 

•        Und schließlich geht es in Säule 3 um die Offenlegung von aufsichtlichen Kennzahlen und Informationen zum Risikomanagement.

 

•        In den letzten 15 Jahren hat sich auf Basis dieser Struktur ein Regelwerk zur Kontrolle sämtlicher Bankrisiken entwickelt. Die wesentlichen Risiken werden dabei in Säule 1 mit einem aufsichtlichen Modell zur Eigenkapitalunterlegung erfasst.

 

 II. Das Zinsänderungsrisiko im Bankenbuch

 

•        Ausdrücklich ausgenommen blieb davon bislang das Zinsänderungsrisiko im Bankbuch. Hierfür wurde ein eigener Ansatz im Rahmen der Säule II konzipiert. Die Institute messen das Risiko nach spezifisch dafür entwickelten Verfahren und unterlegen es entsprechend mit Eigenkapital.

 

•        Um die Aufsicht über das Ausmaß des Risikos zu informieren, wurde der sogenannte Ausreißertest konzipiert. Er ist eine Art Frühwarnsystem und hat zum Ziel, Institute mit einem besonders hohen Zinsänderungsrisiko zu identifizieren, um einen aufsichtlichen Dialog über Ursachen und Maßnahmen einzuleiten. Da er allerdings in vielen Ländern auf unterschiedliche Weise implementiert wurde, sind seine Ergebnisse kaum miteinander vergleichbar.

 

•        Für die aufsichtliche Betrachtung des Zinsänderungsrisikos nach Säule 2 gibt es nicht nur aus unserer Sicht gute Gründe: So lässt sich die Messung des aus einer Zinsänderung resultierendes Risikos im Bankbuch nicht standardisieren. Es ergibt sich in der Regel aus dem Verhalten der Kunden.

 

•        Im Bankbuch finden sich klassischerweise die traditionellen Geschäfte des Bankgeschäftes wie etwa Kredite und Einlagen. Einige davon bieten dem Kunden Wahlmöglichkeiten bezüglich ihrer Zins- und Kapitalbindung wie z.B. Immobilienkredite, Kontokorrentkredite oder Termingelder. Diese können vorzeitig vom Kunden zurückgezahlt werden. Wie lange, in welcher Höhe und zu welchem Zinssatz diese Geschäfte auf der Bankbilanz bleiben, liegt in der Entscheidung des Kunden.

 

•        Annahmen über sein Verhalten unterscheiden sich demnach nicht nur von Land zu Land, sondern schon von Region zu Region. Hinzu kommen juristische, sozioökonomische und kulturelle Faktoren.

 

•        Der Versuch, all diese Faktoren über einen Kamm zu scheren, gleicht der Aufgabe, eine einheitliche Formel für das Verhalten von Menschen zu finden. Wir brauchen also einen individuellen Ansatz! Je mehr spezifische Gegebenheiten dieser berücksichtigt, umso genauer kann er sein. 

        

•        Deshalb ergibt es Sinn, die Aufteilung und Bestimmung des Volumens der Risikopositionen, die Festlegung der Laufzeiten und die Zinsreagibilität der Positionen je nach Produkt, Land und Kundengruppe unterschiedlich zu bewerten. Ein einheitliches Verfahren kann es nicht geben.  

 

•        Weil das so ist, haben Kreditinstitute weltweit Verfahren zur Messung des Risikos entwickelt, die im Detail voneinander abweichen können.

 

•        Sie alle werden allerdings im Rahmen der Säule II von den Aufsehern bewertet und kontrolliert.

 

 III. Gefahr durch Zinswende?

 

•        Dass der Baseler Ausschuss nun versucht, das Risiko nicht mehr nach Säule 2, sondern nach Säule 1 abzubilden, liegt nicht zuletzt in der anhaltenden Niedrigzinsphase begründet. Der Ausschuss möchte sicherstellen, dass für das Risiko einer Zinswende weltweit genügend Eigenkapital vorgehalten wird.

 

•        Im Jahr 2013 wurde aus diesem Grund die Arbeitsgruppe Task Force on Interest Rate Risk in the Banking Book (TFIR) ins Leben gerufen. Ihre Aufgabe war es, ein einfaches Säule-I-Modell für Zinsänderungsrisiken zu entwerfen, welches möglichst vergleichbare Ergebnisse produziert. Diese Vergleichbarkeit kann nur ein Modell mit einer weitgehenden Standardisierung erreichen.

 

•        Die Arbeitsgruppe hat über 2 Jahre versucht, einen Konsens für das richtige Maß an Standardisierung zu finden. Dabei kam es zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ländern, weil etliche Aufseher Zweifel an der Tauglichkeit des standardisierten Modells für die Eigenkapitalunterlegung haben. Als Konsequenz wurde die Arbeitsgruppe Anfang 2015 damit beauftragt, als Alternative zum Standardmodell nach Säule I zusätzlich Lösungen zur internen Messung nach Säule II zu entwickeln.

 

 

IV. Das Baseler Konsultationspapier

 

•        Am 8. Juni wurde der bisher gefundene Kompromiss im Rahmen eines Konsultationspapiers schließlich der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

•        Neben dem Standardmodell zur Eigenkapitalunterlegung nach Säule I enthält das Papier nun auch den Vorschlag eines sogenannten verbesserten Säule-II-Ansatzes (enhanced pillar II approach).

 

•        Dieser formuliert nicht nur Regeln und Prinzipien für die interne Messung, Steuerung und Eigenkapital des Risikos wie bisherige Säule-II-Ansätze, sondern auch Prinzipien für den Aufseher.

 

•        Unter anderem wird verlangt, dass die Banken das Standardmodell auch im Rahmen einer Säule-II-Lösung rechnen müssen. Es dient dann dem Aufseher als Vergleichsbasis für die internen Modelle (benchmark oder challenger model) und soll bei Nichteignung der internen Rechnung als Ersatzrechnung zur Bestimmung von Eigenmitteln (Fallback-solution) genutzt werden.

 

•        Darüber hinaus werden in der Säule II weitgehende Offenlegungsanforderungen formuliert. So sollen sowohl die internen Messungsergebnisse als auch die standardisierte, aufsichtliche Rechnung zum direkten Vergleich veröffentlicht werden.

 

 

V. Bewertung durch den Bankenverband

Wie sieht nun die Haltung des Bankenverbandes hierzu aus?

 

•        Wir verstehen den Wunsch des Baseler Ausschusses, die internationale Kreditwirtschaft angemessen auf die zu erwartende Zinssteigerung vorzubereiten. Allerdings sollte die Zinswende nicht nur als Bedrohung angesehen werden. Im Gegenteil: Gerade für deutsche Institute bietet sie auch die Chance auf größere Gewinne.

 

•        Unabhängig davon lehnen wir die nun vorliegenden Vorschläge ab. Wir lehnen sie erstens ab, weil die vorgesehene Standardisierung nicht zu besseren Messergebnissen führt. Vielmehr ist eine Verzerrung des Risikos aus den bereits genannten Gründen wahrscheinlich.

        

•        Dies zeigt exemplarisch die Frage von Laufzeiten unbefristeter Einlagen. Zeitreihen belegen, dass in Deutschland unbefristete Kundeneinlagen kaum auf Zinsänderungen reagieren. Das Geld bleibt üblicherweise über den gesamten Zinszyklus bei einer Bank geparkt. Aufgrund dieser Erfahrung werden Immobilienkredite, soweit diese nicht durch Pfandbriefe refinanziert werden, zu einem nicht unerheblichen Teil mit diesen Einlagen finanziert. Das nun vorgeschlagene Modell würde den Instituten allerdings nur erlauben, Einlagen für einen Zeitraum von maximal 1,8 Jahren zu berücksichtigen.

 

•        Deutsche Kreditinstitute würden also mit ihrer Langfristkultur sowohl auf der Kredit- als auch auf der Einlagenseite ein sehr hohes Zinsänderungsrisiko ausweisen. Der Eigenkapitalbedarf würde deutlich steigen. Das Modell verstärkt also den Anreiz, lange Laufzeiten auf der Aktivseite zu vermindern. Die bei uns üblichen Festzinskredite von 10 Jahren oder mehr wären in der Fläche marktgerecht wohl kaum noch anbietbar.

 

•        Wir lehnen die Vorschläge zweitens deshalb ab, weil wir die zwangsweise öffentliche Gegenüberstellung der Ergebnisse des Standardmodells neben den internen Ergebnissen der internen Modelle für geradezu irreführend halten. Man könnte auch sagen, dass sich hier der Ausschuss ein Alibi verschaffen möchte, um nicht als Totengräber der  bankinternen Risikomodelle nach Säule 2 zu gelten. Die Marktteilnehmer werden aber zwangsläufig die Ergebnisse des aufsichtlichen Modells für die quasi korrektere Berechnung halten. Es wäre für die Bank im Detail sehr schwierig, genau dazulegen, aus welchen Gründen die beiden Modelle zu möglicherweise unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ohne auf Vertraulichkeit zu verzichten.

 

•        Wir stehen in dieser kritischen Betrachtung der Vorschläge nicht alleine da. Bankenvertreter aus Japan, UK und vielen anderen Ländern teilen diese Sorgen. 

 

 

VI. Lösungsmöglichkeiten

Wie könnte nun eine Lösung aussehen?

 

•        Um Modelle zur Risikomessung zu verbessern, sollte man an einer besseren aufsichtlichen Überwachung und an Methoden zur Validierung dieser Modelle arbeiten. Der direkte Vergleich von einem risikoüberzeichnenden Modell mit einem internen Modell bildet in erster Linie die Risikoüberzeichnung ab. Er zeigt aber nicht zwangsläufig, dass die interne Rechnung falsch oder zu niedrig ist.

 

•        Zielführender wäre es daher, die Prinzipien für eine Säule-II-Lösung zu stärken und den Ausreißertest als Frühwarnsignal zu überarbeiten. Die European Banking Authority hat dazu bereits im Mai Leitlinien für eine bessere Säule-II-Lösung veröffentlicht, die den Bedürfnissen der Aufseher gerecht wird. Neben einer ganzen Reihe von neuen Regeln zum Management des Risikos verordnen diese Leitlinien Europa auch einen einheitlichen neuen Ausreißertest, der die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erhöhen wird. Diesen Weg unterstützen wir.

 

 

 

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